Braveheart (1995) – kitsch so weit das Auge reicht
Inwieweit muss ein Historienfilm historisch korrekt sein? Ein filmisches Werk mag grundsätzlich fiktional sein, der Grat zwischen unterhaltsamer Geschichte und geschichtlicher Unterhaltung ist in diesem Genre aber offensichtlicherweise besonders schmal. Einerseits kann man gleichermaßen zu einem Dokumentarfilm greifen, wenn man dem Drang unterworfen ist, jegliche Details korrekt auf der großen Leinwand projiziert zu sehen und jegliche Form der Abänderung zu verteufeln, andererseits stellt sich die Frage, inwieweit abschweifende Elemente der Vergangenheit gerecht werden, die die Werke in gewisser Weise ausbeuten, um einen Rahmen für ihre Geschichte zu finden. Wozu einen Historienfilm machen, wenn man die Historie selbst gänzlich ignoriert?
Diese Frage war wohl selten deutlicher als in „Braveheart“, denn hier wurden so viele Dinge abgeändert, von kleineren Details wie den Schottenröcken, die zur damaligen Zeit noch nicht getragen wurden, bis hin zu tragkräftigeren Veränderungen wie der Präsenz der französischen Prinzessin Isabelle, die eigentlich nichts mit der Geschichte des schottischen Freiheitskämpfer William Wallace, dem sich der Film widmet, zutun hat, dass sich die Frage stellt ob dies überhaupt noch Wallace Geschichte ist. Grundsätzlich muss jeder für sich selbst beurteilen, ob derartig gravierende Inakkuratheiten ein Problem für das eigene Seherlebnis darstellen oder nicht – mich persönlich stört es grundsätzlich nicht, wenn die Vision des Künstlers die Veränderungen rechtfertigen. Bei „Braveheart“ allerdings stören mich die vielen Veränderungen der Geschichte durchaus – oder zumindest tragen all diese Veränderungen zu dem gemischten Gesamteindruck bei, den ich nach dem Film hatte.
Es ist nicht das Problem, dass Mel Gibson Veränderungen vornimmt, sondern wie er sie einsetzt. Es ist mehr die Story im gesamten, die unter den angepassten Gegenbenheiten leidet und aufgrund ihrer gewohnten Struktur absolut kitschig wirkt (wozu Gibsons Abänderungen zusätzlich beitragen).
Wenn Wallace und seine Mitstreiter mal wieder in eine Schlacht monumentalem Ausmaße verwickelt sind, dann kann „Braveheart“ inszenatorisch durchaus überzeugen. Gibson findet eine geeignete Mischung aus Brutalität, Nähe, Unterhaltung und Wirrwarr, die die Schlachten wie Speerspitzen aus der sonst sehr langatmigen Erzählung herausstechen lassen.
Das größte Problem dieser ist aber die generelle Aufmache, die dem Setting für mich von Sekunde eins jegliche Interessantheit geraubt hat. Wer gerne an einer Alkoholvergiftung zugrunde gehen will, sollte es sich zum Trinkspiel machen, jedes Mal einen Shot zu sich zu nehmen, wenn einer der Charaktere halbtheatralisch „freedom“ ausruft. Dieses Wort fällt derartig häufig und präsent, dass es irgendwann fast parodistisch wirkt. Und leider lässt sich ähnliches über die gesamte Inszenierung sagen, die in ihrem Kitsch jenseits von Gut und Böse liegt. Wenn die einzigen Szenen, in denen eine ergreifende Liebe zwischen Wallace und seiner Frau Murron etabliert wird, daraus bestehen, wie sie sich in Zeitlupe bei Sonnenuntergang anlächeln, während die immergleiche Musik, die so ungefähr 176 von den 177 Minuten des Films zu hören ist, darüber ertönt, dann rührt mich das daraus resultierende Drama nicht gerade zu Tränen.
Ähnlich banal sind alle Spannungsmomente inszeniert, die gerade nicht in einer Schlachteskapade münden, denn auch hier fällt Gibson nichts besseres ein als einseitige Zeitlupen über noch einseitigere Musik zu legen und somit die ruhige Spannung dieser aufkeimenden Momente fast vollständig zu negieren. Ich frage mich zudem, wieso „Braveheart“ so stur auf Hard Cuts setzt, denn so werden viele Momente zu apprupt zurückgelassen und können nie wahrhaftig atmen.
Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass mich Wallace „They may take our lives, but they’ll never take our fredooooom“ Rede nicht ergriffen hätte, ich würde aber genauso lügen wenn ich sagen würde, dass mich alles darum nicht gelangweilt hätte. Dieser tonale Mischmach aus ungewollter Parodie und zu gewollter Ernsthaftigkeit funktioniert für mich nur in den seltensten Momenten. Ob man bei einer derartig verzerrten Erzählung einer Geschichte, die nicht die eigene ist, schon von kultureller Aneignung sprechen kann, steht nochmal auf einem ganz anderen Blatt, es ändert aber nichts an der Mittelmäßigkeit dieses Films.
Punkte: 5/10